W i l l k o m m e n   b e i   [ www.mauspfeil.com ]
 
 



 

Wörterbuch der Bedeutung
<<Zurück
Bitte wählen Sie einen Buchstaben:
A, Ä | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O, Ö | P | Q | R | S | T | U, Ü | V | W | X | Y | Z | 0-9

Suchen:

(Groß-/Kleinschreibung wird nicht unterschieden)

Google


Wertheriaden

*** Shopping-Tipp: Wertheriaden

Als '''Wertheriaden''' bezeichnet man Werke, die explizit oder implizit den Stoff und/oder die Form von Johann Wolfgang Goethes Briefroman ''Die Leiden des jungen Werthers'' adaptieren und variieren. Diese produktive Rezeption des Textes setzt unmittelbar nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1774 ein und manifestiert sich nicht nur in literarischen Gattungen (Lyrik, Drama, Prosa), sondern auch im Bereich Oper, Film und Lied. ''Die Leiden des jungen Werthers'' war Goethes größter Publikumserfolg. Das hier geschilderte "gefährliche Extrem des sentimentalischen Charakters" (Friedrich Schiller), in einer Weise dargestellt, die unmittelbar auf das Gefühl zielt, stieß im Zeitalter der Empfindsamkeit auf ein immenses Interesse. Zu den Besonderheiten seiner Rezeptionsgeschichte gehört, dass dieser Text, wie kaum ein anderer, nicht nur zu einer kritischen, sondern auch zu einer produktiven Rezeption anregte. Schon kurz nach seinem Erscheinen wurde der zeitgenössische Buchmarkt von Nach-, Um- und Weiterdichtungen in unterschiedlichsten literarischen Formen regelrecht überflutet. Zu den bekanntesten solcher frühen Wertheriaden zählt beispielsweise Christoph Friedrich Nicolais ''Freuden des jungen Werthers'' (1775), worin eine allerdings reichlich platte rationalistische Kritik an der übersteigerten, destruktiven Emotionalität Werthers formuliert wurde. Vergleichsweise gelungen und eigenständig präsentierte sich hingegen Jakob Michael Reinhold Lenzens ''Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden''. Dieser Briefroman – hier trägt die Werther-Figur signifikanterweise den Namen "Herz" – entstand 1776, wurde aber erst 1797 publiziert, und zwar ausgerechnet von Goethe, der übrigens zeitweilig selbst eine um die Vorgeschichte seines Helden erweiterte Fortsetzung seines Romans plante. Die Rezeption von ''Die Leiden des jungen Werthers'' erstreckte sich darüber hinaus schon früh auf das europäische Ausland (1775 erschien die erste französische Übersetzung, Übertragungen in andere Sprachen folgen bald darauf), auch die kreative Rezeption: Zwei der wichtigsten "Werther"-Varianten dürften wohl Chateaubriands ''René'' (1802) und Foscolos ''Jacopo Ortis'' (1799) sein. Neben einer solchen direkten Vorbildfunktion des Goethe-Romans lässt sich aber noch eine allgemeinere, eher indirekte Erscheinungsweise der produktiven Rezeption feststellen, nämlich das literarische Phänomen des Wertherismus. Dabei handelt es sich letztlich um eine Artikulationsform des Weltschmerzes, der sich z. B. in Gestalt der Vanitas-Stimmung spätestens seit dem Barock in der Literatur manifestierte. Die Werther-Stimmung, das Motiv der "Krankheit zum Tode" entstammte dieser Tradition und ging, verbunden mit ähnlichen Strömungen (etwa der Melancholie), sozusagen wieder in sie ein. So blieb die "Werther-Krankheit" während des gesamten 19. Jahrhunderts in latenter wie akuter Weise virulent. Es überrascht daher nicht, dass Werther-Figur und Werther-Roman nicht erst 1973 bei Ulrich Plenzdorf (''Die neuen Leiden des jungen W.'') in der deutschen Literatur gleichsam wieder auferstanden, sondern auch und gerade zur Zeit der Jahrhundertwende. Die wilhelminische Vereinnahmung Goethes als Nationaldichter, neo-romantische Strömungen, das von Krankheit und Tod faszinierte Décadence-Bewusstsein des Fin de siècle u. a. Faktoren wie etwa die psychopathographischen und sozialkritischen Implikationen des Textes mögen einige Ursachen dafür gewesen sein, dass in diesem Zeitraum auffällig viele Wiederholungen und Variationen des Werther-Romans und der Werther-Figur entstanden. Als ein frühes Beispiel dieser Wertheriaden wäre Ludwig Jacobowskis ''Werther, der Jude'' (1892) zu nennen: Hier scheitert die Werther-Figur an dem inneren wie äußeren Konflikt zwischen eigenem Wunsch nach Assimilation, ihrer dennoch nicht zu unterdrückenden Verwurzelung in ihrer jüdischen Herkunft und, drittens, an dem im deutschen Nationalstaat wieder aufblühenden Antisemitismus. 1902 kreierte der pseudonyme Autor Narkissos einen homosexuellen Werther (''Der neue Werther''); Reinhard Goering mit ''Jung Schuk'' und Hans Carossa mit ''Doktor Bürgers Ende'', beide 1913, entwickelten überreflektierte, hochsensible Künstlernaturen, die an der Kondition des eigenen Ichs und einer dazu oppositionellen Realität zugrunde gehen. Diese und andere Werke imitierten fast alle in Gestalt des Tagebuchromans auch die monoperspektivische Form ihres Vorbilds. Spuren der Werther-Figur finden sich zudem etwa noch im Frühwerk Thomas Manns (defizitäre Persönlichkeit, Leiden an der eigenen Lebensuntüchtigkeit, Unfähigkeit zur Kunstproduktion etc.) und in Rilkes ''Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge'' (1910), wo neben bestimmten Motiven auch wieder die Tagebuchform auf ''Die Leiden des jungen Werthers'' verweist. Zu nennen wären ebenfalls noch Hesses ''Steppenwolf'' (1927), Joseph Goebbels´ ''Michael'' (1929), wahrscheinlich auch ''Ansichten eines Clowns'' von Heinrich Böll (1963). Und noch nach Plenzdorf, nämlich 1975, rekurrierte Karl Heinz Kramberg immerhin durch die Wahl des Titels ''Werters Freuden'' auf "Werthers Leiden" von Johann Wolfgang Goethe. '''Fazit:''' In rezeptionsästhetischer Hinsicht erscheinen Werther-Roman und Werther-Figur als literarische Modelle. Auf allgemeiner Ebene liegen die Gründe dafür zunächst sicherlich in der komplexen ästhetischen Konzeption des Werkes selbst. Die Vielschichtigkeit und die Polysemantik dieses Romans eröffnen ein nahezu unerschöpfliches Reservoir von Sinnmöglichkeiten, Themen und Motiven, die auf der Basis individueller Lesarten, anderer historischer Verhältnisse und jeweils verschiedener Wirkabsichten der Nachahmer immer wieder neu interpretiert und vergegenwärtigt werden können. Darüber hinaus hat Goethe mit der Figur des Werther offenbar ein archetypisches Muster einer bestimmten Erscheinungsform der Existenzproblematik des modernen Bewusstseins geschaffen. Werther erweist sich geradezu als Typus des modernen Menschen, der an den Gegebenheiten und Anforderungen seiner Zeit, letztlich an sich selbst zu leiden hat. Charakteristisch für diesen Typus ist die Hoffnung auf eine wie auch immer zu definierende Veränderung, ist der 'Wille zum Glück', die Suche nach Sinn und Erlösung – Eigentümlichkeiten, die sich in gewisser Weise durch Zeitlosigkeit auszeichnen und gerade deshalb stets aktuell und aktualisierbar sind.

Beispiele für Wertheriaden (Auswahl):
*Christoph Friedrich Nicolai: Freuden des jungen Werthers (1775) *August Friedrich von Goué: Masuren oder der junge Werther. Ein Trauerspiel aus dem Illyrischen (1775) *Carl Ernst von Reitzenstein: Lotte bei Werthers Grabe (1775) *Jakob Michael Reinhold Lenz: Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers *Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden. (1776) In: Ders.: Werke und Briefe in drei Bänden. Hrsg. v. Sigrid Damm. Bd. 2. - München/Wien: Hanser 1987. S. 380-412. *Johann Martin Miller: Siegwart, eine Klostergeschichte (1776) *Heinrich von Kleist: Der Neue (glücklichere) Werther (1811) *Johann Nestroy: Werthers Leiden und seine verlorengegangene Lotte (1847) *Jules Massenet: Werther (1892), Oper *André Calmettes: Werther (1910), Verfilmung *Hans Carossa: Doktor Bürgers Ende. Letzte Blätter eines Tagebuchs. - Leipzig: Insel 1913. *Reinhard Goering: Jung Schuk. (1913) In: Ders.: Prosa, Dramen, Verse. - München: Langen & Müller 1961. S. 95-266. *Joseph Goebbels: Michael - ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern (1929) *Max Ophüls: Werther (1938), Verfilmung *Thomas Mann: Lotte in Weimar (1939) *Karl Heinz Stroux: [http://www.deutsches-filminstitut.de/caligari/dt2fcf0259.htm Begegnung mit Werther] (1949), Verfilmung *Jerome D. Salinger: Der Fänger im Roggen (1951) *Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. (1972) *Egon Günther: [http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/g_einzeln/guenther_egon/leiden_des_jungen_werther.htm Die Leiden des jungen Werther] (1977), Verfilmung

Literatur:
*Atkins, Stuart Pratt: The Testament of Werther in Poetry and Drama. - Cambridge (Mass.): Harvard Univ. Press 1949. *Engel, Ingrid: Werther und die Wertheriaden. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte.- St. Ingbert: Röhrig 1986. *Horré, Thomas: Werther-Roman und Werther-Figur in der deutschen Prosa des Wilhelminischen Zeitalters. Variationen über ein Thema von J. W. Goethe. - St. Ingbert: Röhrig 1997. *Jäger, Georg: Die Leiden des alten und neuen Werther. Kommentare, Abbildungen, Materialien zu Goethes `Leiden des jungen Werthers´ und Plenzdorfs `Neuen Leiden des jungen W.´ Mit einem Beitr. zu den Werther-Illustrationen v. Jutta Assel. - München/Wien: Hanser 1984. *Martens, Lorna: The Diary Novel. - Cambridge [usw.]: Cambridge Univ. Press 1985. Kategorie: Literatur (Deutsch)

*** Shopping-Tipp: Wertheriaden




[Der Artikel zu Wertheriaden stammt aus dem Nachschlagewerk Wikipedia, der freien Enzyklopädie. Dort findet sich neben einer Übersicht der Autoren die Möglichkeit, den Original-Text des Artikels Wertheriaden zu editieren.
Die Texte von Wikipedia und dieser Seite stehen unter der GNU Free Documentation License.]

<<Zurück | Zur Startseite | Impressum | Zum Beginn dieser Seite